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25.04.2005
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Thierry Noir im Interview und auf der U2tour.de Party

Auf einem Großteil der Cover der Achtung Baby Singles war die Band in einem bunt bemalten Trabbi sitzend abgebildet. Bemalt wurde der Trabbi von dem in Berlin lebenden Künstler Thierry Noir. U2tour.de hat sich mit ihm in seiner Galerie getroffen und ihn zu seinem Leben, seiner Kunst und seiner Arbeit für U2 befragt. Zudem konnten wir Thierry für unsere U2tour.de Party in den ehemaligen Hansa Studios gewinnen. Er wird dort seine Kunst ausstellen und Euch auch für Gespräche zur Verfügung stehen. Das Interview mit Thierry findet Ihr hier

U2tour.de: Wann bist Du nach Berlin gekommen? Thierry Noir: Ich bin im Januar 1982 nach Berlin gekommen. Durch die Musik. Neue Deutsche Welle, DAF, Nina Hagen, Iggy Pop, David Bowie. Alle hatten irgendwie was mit Berlin zu tun. Ich wohnte damals in Lyon in Frankreich und fragte mich warum alle nach Berlin gehen und keiner nach Lyon kommt. Ich beschloss nach Berlin zu fahren und nachzugucken, was da so toll ist. Ich nahm recht spontan zwei kleine Koffer, kaufte mir ein One Way Ticket und fuhr nach Berlin. Ich bin dann hier hängengeblieben. Aber der Anfang in Berlin war schwer. Ich kam morgens um 6 am Bahnhof Zoo an und hätte ich kein One Way Ticket gehabt, wäre ich wahrscheinlich gleich in den nächsten Zug gestiegen und wieder zurückgefahren. Hast Du die Musik in Berlin dann auch gefunden? Ich bin eigentlich sofort in die Szene reingerutscht. Das Leben damals war extrem hart, keiner hatte Geld, viele lebten ungesund. Aber es gab eine Künstlerszene, die wie eine große Familie war und mich aufnahm. Die Leute sind um 18 Uhr aufgestanden und haben durch die Nacht gelebt, nicht nur weil es interessant war, sondern weil es nachts billiger war. Man wusste: da gab es was zu essen umsonst, da gibt’s ein billiges Bier, da gab es für ein paar Stunden einen warmen Ort. Wir kannten viele Tricks. Und die normalen Leute sind in die Kneipen gekommen um sich diese Lebenskünstler anzusehen. Man lebte in einer Form von Symbiose. Aber es war auch für diese Lebenskünstler extrem hart, viele sind schnell berühmt geworden, aber auch schnell wieder abgestürzt. Viele haben sich umgebracht. Und hast Du Deine musikalischen Helden denn auch getroffen? Iggy Pop und David Bowie waren schon wieder weg. Aber Nina Hagen habe ich kennengelernt. Ich hatte zu der Zeit eine Band, die ‚Sprung aus den Wolken’ hieß. Und wir hatten damals ein Konzert im Rahmen einer Neuen Deutschen Welle Nacht im Metropol Theater. Wir waren die vorletzte Band, nach uns spielte nur noch Nina Hagen. Es dauerte ewig bis wir dran waren und wir feierten Backstage. Und plötzlich hieß es jetzt seid Ihr dran: der Vorhang ging auf und wir sahen, dass der Saal komplett voll war und alle starrten uns an. Wir waren vor Schreck wie erstarrt. Es war geplant, dass der Drummer anfängt, aber nichts geschah. Da hab ich einfach acapella angefangen zu singen und hoffte immer darauf, dass der Drummer einsetzt und mich unterstützt, aber nichts passierte. Plötzlich kam Nina Hagen auf die Bühne, die mitbekommen hatte was bei uns schief lief. Sie half mir beim Singen aus und plötzlich wachten auch die anderen auf, der Bassist sprang ein und dann der Rest der Band. Aber das war wirklich einer der schlimmsten Momente meines Lebens. Hast Du schon immer gemalt oder hast Du damit erst in Berlin begonnen? Nein, das begann erst in Berlin und war beeinflusst durch die Situation hier. Man musste etwas machen, man musste kreativ sein, um seinen Kopf zu behalten. Ich habe zusammen mit Christophe Bouchet, einem anderen Franzosen der hier in Berlin lebte, und vor dem Kudamm Karree malte, kleine Bilder und Postkarten in den Kneipe rund um den Savignyplatz verkauft. Ich hatte kein Geld für Leinwände. Erst später konnten wir uns Farben und Leinwände leisten. Ende April 1984 begannen wir dann damit die Mauer zu bemalen. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen die Mauer zu bemalen? Die stand einfach direkt vor meiner Haustür. Ich habe damals und insgesamt 20 Jahre lang im Georg Rauch Haus gelebt und direkt am Haus ging die Mauer entlang. Die Tristesse dieser Mauer lag täglich direkt vor uns. Besonders schlimm war es bei Unwettern, wenn der Blitz in die elektrischen Zäune einschlug und stundenlang der Alarm heulte bis endlich ein ‚Chef’ kam, der die Erlaubnis hatte den Alarm abzustellen. Wir wollten einfach etwas dagegen machen. Einen Kontrapunkt setzen. Und dann kam Wim Wenders... Der was machte? Nun ja, Wim Wenders kam nach seinem großen Erfolg von Paris-Texas aus den USA zurück und suchte in Berlin nach neuen Ideen für seinen nächsten Film. Durch Zufall landete er in einem Kreuzberger Laden namens Gift, den ein Franzose mit seiner Frau betrieb. Die beiden verkauften Schallplatten und Klamotten. Wim fand dort viel neue Musik, er lernte Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten und Nick Cave kennen und irgendwie kamen auch wir in Kontakt. Er bat mich dann die Mauer für seinen neuen Film ‚Himmel über Berlin’ zu bemalen. Der Film führte dann auch dazu, dass die Berliner die Mauermalerei nicht mehr nur als Graffiti ansahen, sondern auch als anerkannte Kunst. Das war für mich auch persönlich der Durchbruch. Das setzte sich insbesondere auch nach der Wende international fort. Und dann kamen U2? Ja, U2 nahmen ja damals Achtung Baby in den HansaStudios auf. Und irgendwann rief mich wiederum Wim Wenders an und fragte mich, ob ich Lust hätte einen Trabant zu bemalen. Ich wusste damals nicht mal was ein Trabant ist. Es gab in West Berlin solche Autos einfach nicht. Insgesamt habe ich dann fast 10 Trabbis bemalt, drei davon wurde in einem Quiz des Plattenladen WOM verlost, einen hat Bono mit nach Teneriffa genommen. Kurios war auch die Entstehung der einzelnen Trabbis. Eine Mitarbeiterin vom Principle Management in Dublin rief mich zum Beispiel an und wollte unbedingt, dass ich Tiere auf einen Trabbi malte. Einen Tag vor Silvester 90/91 habe ich mich dann an die Arbeit dafür gemacht. Zu erst habe ich den ganzen Trabbi in rosa Farbe grundiert und mit diesem knallrosa Trabbi sind wir dann den kompletten Kurfürstendamm raufgefahren – vom KDW bis nach Berlin-Halensee. Das gab ein Hallo, alle starrten uns an und zeigten mit dem Finger auf den Trabbi. Ich kaufte dann Tierschablonen bei Karstadt und sprühte Farbe auf den Trabbi, so dass die Tiere sichtbar wurden. Zusätzlich malte ich dann einige meiner typischen Symbole dazu. Hast Du die Band damals auch getroffen? Nein, die Auftragsvergabe und die ganzen Absprachen liefen damals alles per Fax ab. Ich traf die Band erst viel später. Anton Corbijn holte dann den Trabbi ab und parkte ihn vor den Hansa Studios, um ihn dort zu fotografieren. Dass das Foto dann später als Cover für die Singles verwendet wurde, damit hatte ich gar nichts mehr zu tun. Ist es nicht seltsam, wenn Deine eigene Kunst plötzlich eine so weite Verbreitung findet ohne dass Du selbst Kontakt mit den einzelnen Leuten hattest? Ja, das war tatsächlich etwas seltsam. Und als U2 ein Jahr später mit Achtung Baby auf der ZooTV Tour unterwegs waren, wurde ich noch nicht mal zu einem der Konzerte eingeladen – das hat mich wirklich enttäuscht. Aber ich dachte auch, dass das vielleicht so üblich ist in dieser Branche. Bono traf ich dann erst 10 Jahre später während der Berlinale. Er war damals in Berlin um den Film ‚Million Dollar Hotel’ vorzustellen. Abends gab es dann ein Essen im Restaurant Borchardts. Dann rief mich eine befreundete Französin an, die am Script zum Film mitgearbeitet hatte und lud mich ein auch zu diesem Essen zu kommen. Ich kam rein und da saßen sie dann alle: George Clooney, Milla Jovovich, Wim Wenders und auch Bono. Ich stellte mich dann kurz vor, aber er hatte nicht viel Zeit. Ich denke er trifft auch einfach zu viele Leute, das ist alles etwas zu groß. Du bist ja auch mit Deiner Malerei groß auf der Berliner East Side Gallery vertreten... Ich habe dort insgesamt 16 Bilder auf 32 Mauersegmenten. Alle 2 bis 3 Jahre male ich die Bilder neu, denn die Mauermalerei ist einfach nicht für die Ewigkeit. Die Mauer weckt bei den Betrachtern viele Emotionen, die sie dann auch auf die Wand schreiben oder malen, das muss man akzeptieren, es gehört dazu. Wenn ich damit ein Problem hätte, dann müsste ich etwas anderes machen. Mauermalerei ist eben Streetart. Aber es macht auch großen Spaß die Bilder neu zu malen, denn wir treffen uns dann mit allen Mauermalern, erzählen uns Geschichten, bessern aus, es ist ein nettes Happening. Inzwischen ist die Mauer ja doch stärker in Vergessenheit geraten, das Interesse daran nimmt ab, merkst Du etwas davon? Eigentlich war das schon immer so – auch als die Mauer noch stand. Insbesondere die Berliner selbst hatten ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Mauer. Einige haben sie schlichtweg ignoriert. Ich kenne viele Charlottenburger, die damals nie nach Kreuzberg fuhren – sie wollten die Mauer einfach nicht sehen. Zudem hatten sie Angst um ihren Stern auf dem Mercedes, dessen Abmontieren damals insbesondere unter Punks weit verbreitet war... Das Thema Mauer war immer nur zum Jahrestag des Baus am 13. August aktuell. Genauso wie es mit dem 9. November ist. Dann ist das Thema 2 bis 3 Tage groß in der Presse, dann ist es wieder vorbei. Und wie lebt es sich heute als Künstler in Berlin? Ganz anders als früher. Berlin ist irgendwie deutscher geworden. Gerade durch den Umzug der Regierung, dadurch dass es Hauptstadt ist. Früher war Berlin ein internationales Dorf, heute ist es eine deutsche Großstadt. Das Interview führte Björn Lampe für U2tour.de. (c) U2tour.de 2005. Wer mehr über Thierry Noir und seine Kunst erfahren möchte, sollte mal in unserem Tourguide oder auf seiner Homepage vorbeischauen.


News geschrieben von björn am 25.04.2005 um 12:38 Uhr

    



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