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U2. 100 Seiten

U2 Bücherecke

Details, Bewertung und Bezugsquellen.

U2. 100 Seiten

U2. 100 Seiten

Rezension

Kann man 50 Jahre U2 wirklich auf 100 Seiten erzählen? Das neue Buch aus der Reclam-Reihe liefert eine überraschend klare Antwort.

Als „U2. 100 Seiten“ angekündigt wurde, war die Skepsis erst einmal da. Fünf Jahrzehnte Bandgeschichte, 15 Studioalben, unzählige Tourneen, Bonos politisches Engagement, die Neuerfindungen der Neunziger, die Kontroversen, die Erfolge – und das alles soll auf 100 Seiten passen? In ein Büchlein im handlichen Reclam-Format?

Die Zweifel waren nach dem ersten Abschnitt verflogen. Komplett.

Birgit Fuß steigt mit einem Prolog ein, der sofort klarmacht, wer hier schreibt: keine distanzierte Musikwissenschaftlerin, die U2 von außen seziert, sondern jemand, der diese Band seit Jahrzehnten begleitet, ihre Konzerte besucht, ihre Mitglieder interviewt hat – und die Geschichte mit einem persönlichen Erlebnis von 1987 eröffnet, bei dem ein gewisser Michael Mittermeier auf der Bühne der Münchner Olympiahalle landete. Wer könnte diesem Einstieg widerstehen? Man ist sofort abgeholt, sofort mittendrin in der Welt von U2.

Fuß ist Redakteurin beim deutschen Rolling Stone und hat in dieser Funktion über die Jahre immer wieder mit der Band gesprochen. Sie kennt die vier Musiker persönlich, und das merkt man auf jeder Seite. Die Art, wie sie Larry Mullens höfliche Zurückhaltung beschreibt, Bonos ruhelose Energie, Edges leise Bestimmtheit und Adam Claytons ironisches Augenbrauen-Hochziehen – das sind keine Beschreibungen aus zweiter Hand, das sind Beobachtungen aus nächster Nähe. Besonders berührend: die Geschichte, wie Bono der Autorin in einer schweren persönlichen Zeit mit einer handgeschriebenen Notiz und einem einfühlsamen Telefonat beistand. Kleine Gesten, die zeigen, dass hinter dem Superstar ein aufmerksamer Mensch steckt.

Das Buch ist klug strukturiert. Von den Anfängen in Larry Mullens Küche über die politischen Dimensionen bis hin zu Bonos Engagement und dem bleibenden Einfluss auf nachfolgende Bands – Fuß springt nicht streng chronologisch durch die Jahrzehnte, sondern nähert sich der Band aus verschiedenen Blickwinkeln. So bekommt man als langjähriger Fan keine bloße Nacherzählung serviert, die man ohnehin schon kennt, sondern neue Perspektiven auf vertraute Geschichten.


Die Diskographie: Nachhören dringend empfohlen
Ein besonderes Highlight ist das Kapitel zur Diskographie. Fuß bespricht jedes Studioalbum mit Sachverstand und Leidenschaft – und hat sich dabei etwas besonders Feines ausgedacht: Zu jedem Album gibt es die Kategorien „Magischer Moment“, „Mega-Song“ und „Merksatz“. Der magische Moment bei Boy? Die Gitarre am Anfang von „The Electric Co.“. Der Mega-Song von War? „Sunday Bloody Sunday“. Der Merksatz von The Joshua Tree? „You gave it all but I want more.“
Das klingt nach einem netten Gimmick – ist aber viel mehr als das. Beim Lesen passiert etwas, das nur die besten Musikbücher schaffen: Man will sofort die Alben wieder auflegen. Man will nachhören, ob man dem „Magischen Moment“ zustimmt. Man beginnt, für sich selbst zu überlegen: Welchen Song hätte ich als Mega-Song gewählt? Welche Zeile hätte ich als Merksatz ausgesucht? Es ist eine stille Einladung zum Dialog zwischen Autorin und Leser – und gleichzeitig eine wunderbare Einladung, sich noch einmal durch die gesamte Diskographie zu hören. Und genau dafür liefert das Buch auch gleich das passende Werkzeug: Begleitend gibt es Playlists mit den wichtigsten U2-Songs und den denkwürdigsten Gastauftritten von Bono, abrufbar unter reclam.de/u2-100-seiten oder per QR-Code im Buch. Lesen und Hören gehen hier Hand in Hand – so soll es bei einem Musikbuch sein.


Mit Humor und Herz
Was dieses Buch von vielen anderen Musikbüchern unterscheidet, ist der Ton. Fuß schreibt mit Humor – trocken, liebevoll, nie albern. Wenn sie beschreibt, wie Adam Clayton mit seinen Louis-Vuitton-Schuhen neben dem Mützen-tragenden Edge saß, als fragten sich beide, ob sie wirklich in derselben Band spielen, dann schmunzelt man unweigerlich. Wenn sie Bonos Energielevel bei Interviews schildert – aufgesprungen, bevor das Gespräch überhaupt begonnen hat, Zigarettenschachtel auf dem Boden – hat man das Gefühl, selbst mit im Raum zu sitzen.

Gleichzeitig spürt man auf jeder Seite die aufrichtige Zuneigung zur Band. Das ist keine unkritische Lobpreisung, aber es ist ein Buch, das von jemandem geschrieben wurde, der U2 nicht nur respektiert, sondern liebt – und die Bandgeschichte seit Jahrzehnten aus nächster Nähe verfolgt. Michael Mittermeier wird im Buch mit den Worten zitiert: „Die Lieblingsband wechselt man nicht, man wechselt ja auch nicht den Fußballverein.“ Das könnte auch das inoffizielle Motto dieses Buches sein.


Fazit
Kann man der langen, teils wilden, spektakulären Geschichte von U2 auf 100 Seiten gerecht werden? Die Antwort ist ein klares Ja. Birgit Fuß gelingt das Kunststück, die Essenz dieser Band einzufangen, ohne sie zu verkürzen. Vieles wird in Erinnerung gerufen, manches neu beleuchtet, und das Ganze liest sich so flüssig und unterhaltsam, dass man das Büchlein an einem Nachmittag durchhat – um es dann gleich wieder von vorne zu beginnen. Diesmal mit der Playlist auf den Ohren.

Absolute Empfehlung für alle U2-Fans. Und für alle, die es noch werden wollen.

Die Playlists zum Buch: reclam.de/u2-100-seiten

Rezensent: Sabine Schieweck

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  • (5) 5/6 Sollte man als großer Fan gelesen haben.
  • (4) 4/6 Eine der besseren Veröffentlichungen.
  • (3) 3/6 Ganz OK, aber mit einigen Schwächen.
  • (2) 2/6 Wirklich kein Muss, aber mit netten Fotos.
  • (1) 1/6 Braucht kein Mensch.