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29.09.2010
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Das nächste Mal vielleicht ein bisschen kleiner, ja?

"We built this madness to be closer to you." Spätestens nachdem man weiß, dass sich dieser Satz auf die 360° Tour mit ihrer Wahnsinnsbühne und die Wahnsinnsstadien, die sie besucht, bezieht wird klar, dass irgendetwas daran nicht stimmt. Sind Stadien, mehr kolossale Megabauten als Konzertvenues und Zuschauerschnitte wie beim Papst zu dessen besten Zeiten mit der suggerierten Intimität überhaupt vereinbar? Und muss sich die Musik dem Gigantismus unterordnen? Sie muss es nicht. Sie wird aber offensichtlich untergeordnet. Zieht man die jüngste Konzertankündigung in Betracht, so kann diese Tendenz wohl leider bestätigt werden: Der offizielle Pressetext für das Konzert in Mexiko City liest sich eher als würde der Zirkus Sarasani in Mexiko Halt machen, denn außer Monster-Statistiken über Stahlkonstrukte, Lastwägen und Kabel ist darin herzlich wenig zu lesen. Immerhin wird "U2" in der Überschrift erwähnt. Das ist nicht mehr "ich hab’ den Größten", das ist schon "mit meiner glühenden Dampframme könnte man sogar einen zugefrorenen Acker pflügen." Eines vorweg: Ich stehe ja schon auf Gigantismus... also in Bezug auf Stadionkonzerte. Wenn 90.000 lauthals und hymnenhaft I Still Haven’t Found What I’m Looking For singen oder riesige Schüsseln von Stadien in einen "Milky Way" verwandelt werden, hat das schon etwas ganz Spezielles. Aber das stellt nicht das ultimative musikalische Erlebnis dar. Groß ausgelegte Touren bringen oftmals starre Setlisten hervor – das Greatest-Hits-hasse-nicht-gesehen-Event-Publikum, aus welchem ein Großteil der Stadionschar besteht, muss schließlich auch versorgt werden. Zudem bietet eine großangelegte Bühnenshow wenig Raum für Spontaneität. Und die oft zitierte Intimität? Die ist bei diesen riesigen Stadien natürlich absolut Kokolores. Will eine Band ihren Fans näher sein, so spielt sie in Hallen. Das wäre zumindest für mich völlig logisch. Der wahre Hintergrund dieser Bühne ist ganz sicher eines: Mehr Tickets zu verkaufen, die größte Tour aller Zeiten auf die Beine zu stellen und mit der größten Bühne aller Zeiten ein Novum in der Konzertindustrie darzustellen. Kurz: Die Band versucht ihr enorm großes Ego zu befriedigen und allen zu zeigen, dass man die größte Band der Welt ist. Vermutlich wird das auch so eintreten – man erwartet am Ende der Tour einen Umsatz von 750 Mio. US-Dollar, knapp 7 Mio. verkaufte Tickets scheinen auch realistisch zu sein. Gerüchte besagen bereits, Paul McGuiness werde die 200 Tour-Trucks Ende nächsten Jahres benutzen um die vielen Säckchen mit den $-Zeichen in seinen Geldspeicher zu transportieren. Das sind Rekorde, die selbst die Rolling Stones bei einer gut beworbenen Steel-Wheelchair-Abschiedstournee nur schwerlich brechen können. Und so grotesk es klingen mag: Möge diese Tour am Ende so gigantisch und groß sein, dass es durch nichts und niemanden zu überbieten ist. Mögen sämtliche Egos befriedigt und sämtliche Geldsäcke prall gefüllt werden. Denn U2 haben ebenfalls das Bedürfnis, sich stets zu toppen. Immer größer, immer gigantischer. Doch wer soll diesen Wahnsinn überhaupt noch toppen? Und vor allem wie? In Bezug auf Gigantismus fiele mir da vielleicht eine überdimensional große Disco-Zitrone ein, aber been there, done that... Nein, es geht nicht mehr größer und das ist auch gut so. Im Grunde gibt es nur einen richtigen Weg die 360°-Tour zu "toppen" – läutet die Post-360° Ära verdammt noch mal damit ein, indem ihr eine Hallen-Tour ankündigt! Allerspätestens als ich mein persönlich bestes Konzert in München in der zweiten/dritten Reihe des FOS erlebt habe, habe ich realisiert wie überflüssig dieses Bühnengedöhns überhaupt ist: Ach, über mir steht eine Monsterbühne mit einer Wahnsinns Lichter- und Videoshow? Hinter mir stehen 80.000 Leute? Brauch ich doch gar nicht. Wenige Meter vor mir schlägt ein breitbeiniger Adam Clayton übrigens auf die Saiten als ob es kein Morgen mehr gebe. Besinnt euch doch künftig bitte wieder auf die Grundlagen: die Musik. Die Nähe zu den Fans. Maximiert die Vorfreude von uns Hardcore-Fans, indem ihr die Setlist mehr durchmischt. Dass so etwas gut klappt hat man ja bereits 2005 und 2001 gesehen. Und dass die Band immer noch nicht zum alten Eisen gehört und stets in der Lage ist die Fans zu überraschen, sieht man auch dieses Jahr bei beeindruckenden Konzerten in Helsinki oder Zürich, München oder Brüssel. Pro Lovetown Tour 2014.


News geschrieben von Christoph am 29.09.2010 um 20:14

    



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