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01.09.2010
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"ICH SECURITY, DU FAN*" (*"Des san' ois Oarschlecha")

"Wien ist anders", sogar Bono höchstpersönlich zitiert diesen Slogan am Montag Abend im bitterkalten Ernst-Happel-Stadion. 5 Jahre nach ihrem letzten Wien-Stop im Rahmen der Vertigo Tour kehrten U2 am 30. August 2010 in die Bundeshauptstadt zurück.

Ja, Wien ist anders. Auch was U2 Konzerte betrifft. Das Trauma von 2001 und der Ärger von 2005 liegen noch tief im Magen.

Trotzdem, die Hoffnung stirbt zuletzt. In "Und täglich grüßt das Murmeltier"- Manier wurde ja bereits im Vorfeld der Veranstalter angeschrieben mit den ewig gleichen 10 Geboten einer perfekten Organisation. (Absperrgitter, Blockabfertigung, inklusive Hinweisen auf vorhergehende Interventionsschreiben ) Diesmal bekommt auch das Stadtmagistrat Wien (Abteilung für Veranstaltungswesen) eine Kopie des Schreibens.

Dass das Sicherheitspersonal noch nicht ganz aufgewärmt ist, zeigt sich bereits am Vortag des Konzertes. Jeder der sich als Catering Mitarbeiter ausgibt, wird ins Stadion gelassen. Kann passieren. Schön für uns, Fotos vom Bühnenaufbau wollte man immer schon mal machen.

Anschließend werden die Eingänge besichtigt, und einige etwas verloren wirkende Stapel mit Absperrgittern (immerhin schon mal mehr als 2001 und 2005) lassen die Hoffnung erneut auflodern. Über die Tatsache, dass die anwesenden Sicherheitsleute nicht wissen, wo und wie viele Eingänge es am Tag darauf geben wird, wird hinweggesehen. Schon mal gut, dass bereits am Sonntag Vormittag überhaupt welche anwesend sind, auch wenn das Team zum Großteil aus unerfahrenen Studenten zu bestehen scheint.

Trotzdem oder gerade deshalb: die Skepsis bleibt bestehen. So wird beschlossen, am nächsten Tag schon frühzeitig zum Stadion zu gehen, schließlich ist es a) Wien und b) besucht man nicht 10 Konzerte dieses Legs, sondern eben nur 2. Da muss die Trefferquote des jeweils angestrebten Platzes bei 100% liegen!

Im strömenden Regen geht es am nächsten Tag mit der U2 zum Stadion. Gegen kurz nach 8 Uhr haben sich bereits ca. 100 Fans beim Stehplatzeingang (Sektor B) eingefunden und harren unter dem Schutz des Stadiondaches aus.  Einige haben am Stadion übernachtet, andere sind seit 5 Uhr morgens dort. Man holt sich eine Nummer bei den Roll Call Organisatoren aus Kanada und macht es sich am Ende der Schlange gemütlich. Etwas weiter hinten gibt es einen zweiten Einlassbereich mit einer – wie wir hören - wesentlich kleineren Schlange. Dort wird der Roll Call von österreichischen Fans organisiert.

Alle halben Stunden geht die Organisatorin des Roll Call unsere Reihe ab und klärt über die Vereinbarung mit dem Securitypersonal auf, nach der wir unter dem Stadiondach bleiben könnten, solange der Regen anhalten würde. Danach würden wir der Reihe nach in 50-er Gruppen vor den eigentlichen Einlassbereich gehen und uns dort niederlassen. Eigentlich unfassbar für Wien, denkt man sich dabei. Dass wir nicht in London sondern doch in Wien sind, wird uns dann jedoch spätestens gegen Mittag bewusst.

Offensichtlich werden die Security Leute, die den Roll Call unterstützt haben, gegen Mittag abgelöst. Vor den Eingangsschleusen stehen nun plötzlich mehrere Gruppen von Leuten, die offenbar erst angekommen sind. Alle Interventionen der Kanadierinnen helfen nicht. "Der Mann fa do Security hat gsagt, wir dürfen uns da hinstellen" meint einer der uneinsichtigen Neuankömmlinge.
Fairness und Loyalität sind hier leider fehl am Platz, auch und leider insbesondere bei diesen Fans. "Was für Nummern? Ich halte nichts von Nummern. Ist mir scheißegal!". Zufrieden stehen nun ca. 20 Leute an den Einlassgittern. Was für ein Hohn für diejenigen, die seit sechs und mehr Stunden in der eisigen Kälte ausgeharrt haben!
 
Eine der Kanadierinnen wendet sich an den vermuteten Security-Chef (?). Man atmet auf. Aber: zu früh gefreut! Verständnislos lauscht er den Situationsberichten der Kanadierinnen. Entweder will oder kann er sie nicht verstehen. Also stellen wir uns dazu und erklären ihm noch mal auf Deutsch was mit seinen Kollegen am Vormittag abgesprochen wurde. "Das ist mir wurst, die sind nicht mehr da, ihr seid selber blöd, wenn ihr woanders wartet. HIER stellt man sich an und diese Leute haben sich richtigerweise hier hingestellt."
Irgendwann merken wir, dass man ebenso mit der Wand des Ernst-Happel-Stadions reden könnte. Es folgt, extra für den Security Mann, eine Zusammenfassung der bisherigen Erfahrungen von 2001 und 2005. Auch, dass der Veranstalter diesbezüglich schon zig Mal angeschrieben wurde. Nein, er versteht es einfach nicht. Was ich aber mittlerweile verstanden habe ist, dass er sich jedoch sehr viel aus seiner orangen Security-Jacke macht:
"Wos isn mit dia?? Jetzt hör mia mal zua." Nun baut er sich auf in seiner ganzen Gestalt, als der Prototyp aller Wien-Securities, ja die Reinkarnation aller Vorurteile die man je von Wiener Sicherheitsleuten bei U2 Konzerten in dieser Stadt hatte, und für einen kurzen Moment denke ich, er will mir eine runterhauen und ich spüre förmlich, wie allen um mich herum der Atem stockt (ich bilde es mir jedenfalls ein). Da höre ich folgende vier Worte aus seinem Mund kommen: "ICH SECURITY, DU FAN." (mit dazugehörigen Fingerbewegungen auf sich und mich, damit es auch jeder der Anwesenden versteht, auch jene, die des Deutschen nicht mächtig sein sollten).
Ich bin baff und sprachlos. Kann nur mehr fassungslos lachen und hole zu einem impulsiven und leicht verzweifelten "das ist so typisch Österreich!" aus. Das ist dem Mann zu viel. Er kontert mit dem Dolchstoß: "Jetzt hol i den Supervisor!!" Ich wundere mich kurz wieso er ein englisches Wort benutzt, denn "first come first serve" hat er vorher nicht verstanden., sage aber nichts mehr und warte auf den ominösen Herrn Supervisor. Vielleicht kriege ich ja einen Platzverweis, denke ich mir. Das ist es mir wert!

Mittlerweile beruhigen mich einige um mich herum, ich scheine wohl doch etwas aufgebracht zu sein. Den Supervisor bekomme ich nie zu Gesicht und währenddessen werden die 400 Roll Call Leute unterm Stadiondach angesichts der unverschämten Vordrängler an den Schleusen immer unruhiger und aufgebrachter.

Es kommt wie es in solchen Situationen immer kommen muss: Die ersten springen auf, alle anderen laufen hektisch nach. Um 12.30 Uhr stehen wir schließlich alle dicht gedrängt an den Einlassschleusen. Nummer 387 neben Nummer 2. Einige mit hohen dreistelligen Nummern wischen schnell die erste Zahl mit Spucke weg, irgendwie hat man ja doch einen Ruf zu verlieren. Ist aber eh schon egal. Auch wenn mit Absperrgittern eine Art Box vor den Einlassbereich errichtet wurde, war es zwischenzeitlich so eng wie in einer Sardinendose. München 2005 lässt grüßen! Vielleicht kommt Mr. Obersecurity wieder und verteilt Bändchen für den FOS. Irgendwo neben mir höre ich, dass man 2005 den Securities 50 Euro zustecken konnte um auch zu später Stunde noch in den FOS zu kommen. Ah, wieder was gelernt, denke ich mir! Na immerhin regnet es nicht mehr.

Wir schalten auf Standby. Irgendwann kommt der Einlass. Vielleicht wurden die zahlreichen Mails an den Veranstalter im Vorfeld doch zur Kenntnis genommen, die Fans werden nämlich in Blockabfertigung ins Stadion gelassen. Im Detail scheiterte dies allerdings, einige Superschlaue klettern beim anderen Eingang über die Absperrgitter und preschen am Personal vorbei, wie später berichtet wird.

Ein Briefing der besonderen Art des Securitypersonals spielte sich offenbar auch beim zweiten Eingang 10 Minuten vor Einlass ab "Und wenn die dann daher kommen, haltet's denen die Hände ins Gesicht und schreit Stopp. Eines müsst ihr wissen: Des san' ois Oarschlecha!""

Der obligatorische FOS-Run wird vom Sicherheitspersonal und den anwesenden Polizisten belächelt und etwas unbehände zu bremsen versucht. Der Zugang auf Edges Seite war wohl kurz nach Einlass noch nicht mal geöffnet, was für zusätzliches Chaos sorgte. Außerdem kam man auch problemlos und ganz ohne dazugehöriges Ticket auch während des Konzertes in die Red Zone.

Trotz allem: Es gibt auch positive Eindrücke von Wien:
Den ganzen Tag über Polizeipräsenz (auch Vormittags fuhren immer wieder Polizeistreifen vorbei) und ein großes Aufgebot an Rettungsleuten. Außerdem wurden diesmal auch außerhalb des Stadions genügend Dixieklos aufgestellt.
Im hinteren Bereich der Warteschlange schien zudem alles etwas besser organisiert zu sein und das Warten war relativ relaxt. Auch wurde darauf geschaut, dass sich niemand mehr seitlich hineindrängte.
Auch die Abreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln verlief tadellos.

Übrigens: Der Veranstalter "rock and more" (office@rockandmore.com) hat auf die Schreiben im Vorfeld des Konzertes gar nicht reagiert, das Stadtmagistrat Wien hat sich am Tag des Konzertes ausführlichst zu den Sicherheitsmaßnahmen für die Veranstaltung "U2 Konzert" geäußert.

Also, Wien, wenn du willst dann kannst du es doch! Vielleicht das nächste Mal mit einem besseren und wirklich geschultem Sicherheitspersonal das auch mit den Fans zusammenarbeitet und mit ein bisschen mehr Absperrgittern?

Habt ihr Ähnliches zu berichten? Ist Wien wirklich immer noch etwas anders?


News geschrieben von Hanna am 01.09.2010 um 19:54

    



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