Warwick Interview


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Ein echter Hingucker, der Warwick Adam Clayton Reverso Signature Bass, mit dem Adam Clayton bei der 360° Tour aufwartete! Sicher ist er dem einen oder anderen nicht nur bei "Return of the Stingray Guitar" am Konzertanfang der 2010er Konzerte sondern auch immer wieder bei Songs zwischendurch aufgefallen.
Aber wie kam Adam eigentlich zu diesem ausgefallenen Modell? Ist es eine Sonderanfertigung nach seinen Wünschen? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Künstler und Instrumentenbauer? Diese und andere Fragen konnte u2tour.de für Euch an den Hersteller dieses Instruments, die Firma Warwick aus Markneukirchen (Deutschland) stellen.

Gegründet wurde Warwick 1982 von Hans-Peter Wilfer, dessen Vater zuvor mit der Marke Framus (seit 1995 Teil der Firma Warwick) seit 1946 schon jahrzehntelang Erfahrung (und große Erfolge) im Instrumenten-/Gitarrenbau gesammelt hatte. Mit so viel Know-How in der Familiengeschichte hat sich für Warwick der Erfolg sehr schnell eingestellt - so wurde schon Mitte der 80er Jahre mit und für John Entwistle (The Who) ein Bass-Modell entwickelt. Weitere Warwick-Endorser sind u.a. Jack Bruce (Cream), Robert Trujillo (Metallica), Bootsy Collins und viele weitere. Bei Gründung gestartet mit 3 Modellreihen, gibt es mittlerweile mehrere Warwick Produktlinien mit 40 verschiedenen Bass-Gitarren und Zubehör.

Zum 30jährigen "Geburtstag" von Warwick gab es im September diesen Jahres einen Tag der offenen Tür, zu dem Adam Clayton eingeladen war. Leider musste er seine Teilnahme wegen anderer Verpflichtungen kurzfristig absagen. (U2tour.de berichtete)

Marcus Spangler, Qualitätsmanager und Instrument-Designer sowie Produktmanager bei Warwick, fing schon in jungen Jahren in der Tischlerei seines Vaters mit dem Gitarrenbauen an und machte später schließlich sein Hobby zum Beruf. Seit fünf Jahren ist er nun Produktionsleiter bei Warwick, wo er sich unter anderem um neue Modelle kümmert oder auch Künstler die Warwick-Instrumente spielen, betreut. Für U2tour.de hat er sich nun die Zeit genommen, ausführlich von der Kooperation mit Adam Clayton und dem Instrumentenbau zu berichten.



U2tour.de: Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Adam Clayton gekommen? Wer hat wen angesprochen?

Warwick: Adam hat sich mit der Geschichte von John Entwistle, dem Bassisten von The Who auseinandergesetzt. Der hat ja Warwick Bässe gespielt und auch einen eigenen BuzzardSignature Bass bekommen. Dadurch ist Adam auf Warwick gestoßen. Ihr müsst wissen, dass die Instrumente, die Adam normalerweise spielt, komplett anders sind, als das, was Warwick eigentlich macht. Das ist von den Holzarten, von der ganzen Ausstattung etc. etwas ganz anderes. Die Bässe, die Adam normalerweise spielt, sind was sehr klassisches, das schon seit den 1950er und -60er Jahren auf dem Markt ist. Das wurde nie wirklich verändert. Und Warwick Bässe sind halt praktisch immer weiterentwickelt worden. Das sind relativ moderne Bässe in Bezug auf die Elektronik und die Tonabnehmer.



U2tour.de: Und wie seid Ihr dann in Kontakt gekommen?

Warwick: Dallas Schoo hat meinen Chef [Hans-Peter Wilfer, Gründer und Besitzer der Firma Warwick] angeschrieben, dass Adam sich momentan mit der Geschichte von John Entwistle befasst und dass er interessiert wäre, dessen Bass einmal auszuprobieren. Natürlich hat mein Chef dann gesagt, dass er diesen Bass selbstverständlich ausprobieren kann und gerne auch mehr Instrumente von uns. Das war halt gerade zu der Zeit, als das Album aufgenommen wurde zur 360° Tour, also "No Line on the Horizon". Dann haben wir die Instrumente zu U2 ins Studio geschickt. Das Lustige daran war, dass Dallas geschrieben hatte, Adam wolle nur den Buzzard Bass… und mein Chef ist dann jemand, der sagt: "Wenn er denn Buzzard Bass dann schon mal spielt, dann könnte ich ihm die ganzen anderen Instrumente ja auch schicken". Er hat dann einfach mal gut 15 Instrumente zu Adam ins Studio geschickt. Zu der Zeit war nur Dallas alleine mit Adam und Edge im Studio und hatte eh viel zu tun, weil er die ganzen Sachen einstellen musste... Er hatte gemeint von Deutschland kommt dann ein Buzzard Bass, den stimmt er dann schnell und dann funktioniert alles. Dann kamen da halt 15 Instrumente (lacht). Adam wollte dann natürlich alle mal antesten. Edge sagte Dallas dann "Stell das mal so ein. Mach das mal so und so…" und dann kam Adam und sagte ihm, dass er auch noch den anderen Bass ausprobieren möchte… Dallas war nur am Hin- und herrennen, hat alle Bässe auspacken, stimmen und für Adam einstellen müssen, dass es für ihn passt… Das war ein riesiges Heckmeck. Dallas erzählte mir später, es wäre der Wahnsinn gewesen.

Wie gesagt, Adam hat dann diesen Buzzard gespielt. Es gibt auch Videos, wo er glaube ich den Buzzard oder den Stryker spielt. Den hat er dann auch gleich für ein Lied auf der CD verwendet. Ich weiß aber nicht mehr genau für welches. Jedenfalls verstärkte sich dadurch Adams Interesse an Warwick.

Adam hat dann unseren Chef angeschrieben. Er meinte, dass alles ganz gut sei,  aber die Bässe würden trotzdem nicht so klingen, wie er es gewohnt sei und ob man mehr was in Richtung Fender Jazz Bass oder Fender Precision Bass, die er eigentlich spielt, bauen könnte. Da hat der Chef zurückgeschrieben, wenn er einen Fender spielen will, solle er bitte zu Fender gehen, dann hat er das, was er möchte. Wenn er aber Warwick spielen will kann er gerne mit Change-Spezifikationen einen Warwick-Bass haben. Wir werden aber keinen Fender-Bass bauen. Dallas erzählte später, Adam habe das gelesen und gefragt, ob der Hans-Peter Wilfer jetzt sauer auf ihn sei (lacht), weil es ja natürlich auch in diesem Markt ein bisschen Rivalität gibt. Aber unsere Reaktion hat  sein Interesse geweckt und so hat die Zusammenarbeit dann angefangen.

U2tour.de: Na, das Selbstbewusstsein könnt Ihr Euch natürlich absolut leisten.

Warwick: Ja natürlich, das war halt auch ehrlich und Adam hat gesagt, dass wir die erste Firma gewesen sind, die so reagiert hat, während andere Firmen höchstwahrscheinlich gesagt hätten: "Was immer Du haben willst, wir werden es machen". Aber wir haben den Arsch in der Hose gehabt und NEIN gesagt. Ich denke, das hat ihm schon ein bisschen imponiert. Daraufhin ging dann die Zusammenarbeit los. Wir haben als erstes an einem Streamer Modell gearbeitet mit verschiedenen Hölzern und einem etwas größeren Body. Das haben wir dann aber wieder verworfen und Adam kam auf die Idee mit dem Stryker, der ihm eigentlich relativ gut gefallen hat.  Vom Klang her war es aber noch nicht das was er haben wollte.

U2tour.de: Und an dem Punkt habt Ihr mit der Entwicklung eines neuen Modells begonnen?

Warwick: Ja, wir haben gefragt, ob wir ein Signature Model für ihn bauen dürfen und das fand er gut. So hat praktisch die Geschichte des Adam Clayton Reverso angefangen. Und wenn man den Stryker kennt… der ist ja wie die Explorer Gitarre, die Edge spielt. Adam kam gleich mit der genialen Idee den Bass zu spiegeln um was Eigenständiges zu schaffen. Natürlich ist das alles nicht hundertprozentig möglich gewesen.  Wenn man den Bass einfach nur spiegeln würde, dann kann man das Instrument in den hohen Lagen nicht mehr spielen, weil dann das Horn zu weit vorgeht. Das hätte nicht mehr funktioniert. Also haben wir praktisch den Korpus auch modifizieren müssen. Wir haben erst einmal ein Muster, einfache Zeichnungen geschickt, bis gesagt wurde: "Ja, die Zeichnungen passen jetzt". Dann haben wir ein Muster aus Sperrholz, eine flache Platte angefertigt. Damit konnte man dann die Kontur und die Ausmaße sehen, einschätzen wie groß das Ganze wird. Das haben wir ihm dann geschickt.

U2tour.de: Ah, das ist jetzt ein wenig überraschend. Ich hätte gedacht, dass man erst guckt, was technisch und tontechnisch nötig oder gewünscht ist, und dann das Design anpasst.

Warwick: Die ganzen technischen Variablen kann man in ein Instrument dann mit einfließen lassen. Aber es geht zuerst mal um grundsätzliche konstruktive Sachen, ob das überhaupt vom Design her funktioniert. Und darum schickt man die Templates, das war auch Adam wichtig: "Wie sieht das an mir dann überhaupt aus?". Dann haben wir es ihm, wie erwähnt, rübergeschickt, er hat sich dann einen Korpus ausgesucht und wir haben den ersten Prototypen gebaut. Damit hat er natürlich den Sound ausprobiert. Manches hat ihm noch nicht so gefallen und wir probierten noch verschiedene Holzarten aus. Das Problem ist meistens, dass die Musiker nicht genau wissen, welchen Sound sie suchen. Sie können ihn auch schwer definieren und nicht sagen: "Pass auf, bauen wir das aus dem Holz, bauen wir diese Tonabnehmer rein und bauen wir die Elektronik rein." Das funktioniert halt nicht. Jeder Mensch hört etwas anders, jeder Mensch hat einen anderen Geschmack. Adam sagte dann: "Von dem Bass gefällt mir das, von diesem Bass gefällt mir das…" Man versucht dann, alles in dieses eine Modell einfließen zu lassen.



U2tour.de: Lief das alles direkt über Adam?

Warwick: Am Anfang habe ich mit dem Techniker, Stuart Morgan, die ganzen Features ausgemacht. Dann haben wir den ersten Prototypen rübergeschickt und Stuart schrieb "Pass auf, das ist nicht so gut, das gefällt Adam nicht, das nicht, das nicht…"  Und dann macht man das nächste Modell – so entsteht das langsam. Man wechselt die Tonabnehmer, schickt neue Tonabnehmer rüber und sagt: "Probier mal den Tonabnehmer, was hältst von dem? Und der Tonblender?" So  entsteht nach und nach ein neues Instrument.

U2tour.de: Wie lange dauerte der Entstehungsprozess dieses Instruments von den ersten Ideen bis zur endgültigen Version?

Warwick: Alles in allem hat es etwa 1½ Jahre gedauert bis alles zu 100 Prozent perfekt war.

U2tour.de: Und der ganze Prozess lief im Prinzip während und nach den Aufnahmen zur Platte und in Vorbereitung zur Tour?

Warwick: Genau, richtig. Als die Kontur schon fertig war sind verschiedenste Reversos mit verschiedenen Knopf-Layouts entstanden. Das haben auch Fans rausgefunden, dass da was entwickelt wird und fragten: "Was spielt der überhaupt für 'ne Elektronik jetzt? Was ist da drin in dem Bass?" Es gibt auch einige Fotos, auf denen man sieht, dass er  einmal hat vier Regler hat, danach hat er nur noch drei, zum Schluss waren es nur noch zwei und dann hatte er doch wieder drei Regler.  Endgültig fertig waren wir mit Entwicklung und Bau im Sommer 2009, ganz am Anfang der 360° Tour. Da hat Adam uns auch in Markneukirchen besucht.

U2tour.de: Wann war das und wie ist es dazu gekommen?

Warwick: Das war am Tag vor dem Konzert in Berlin [18. Juli 2009]. Wir hatten ihn natürlich vorher schon mehrfach eingeladen und ihm mitgeteilt, dass er jederzeit willkommen sei.  Normalerweise ist das aber bei den großen Musikern so, dass sie irgendwann mal kommen, wenn man Glück hat, aber nicht gleich am Anfang der Zusammenarbeit. Adam wollte aber gern unsere Firma anschauen, sehen, was wir überhaupt genau machen und ist spontan für den Besuch auf dem Weg nach Berlin vorbei gekommen. Gelandet ist er auf dem nächsten Flughafen in Hof, etwa eine halbe Stunde Fahrt von hier. Ich habe ihn dort abgeholt. Wir haben ihm dann die Produktion gezeigt, noch ein paar Sachen besprochen und ihm dann die ersten Instrumente übergeben, also den ersten Reverso und noch einen Streamer Stage II. Dann ging es für ihn schon weiter nach Berlin.

U2tour.de: Und wann ist der Bass zum ersten Mal im Einsatz gewesen? Habt Ihr das sehen können?

Warwick: Das war schon am nächsten Tag in Berlin. Also normalerweise ist das sehr ungewöhnlich, weil die Leute ein neues Instrument erst mal ausprobieren wollen und wenn es nicht zu 100% funktioniert, dann spielen sie den Bass nicht. Erst, wenn alles in Ordnung ist, so wie man es haben will, dann geht man auf die Bühne damit. Aber Adam wollte den Bass gleich ausprobieren. Und in Berlin waren wir dabei. Adam hat sich extra Zeit genommen. Er ist vor dem Auftritt noch in die VIP-Lounge gekommen, nur wegen Warwick, wegen mir und Jonas Hellborg, unserem Warwick Bassisten, und wir haben uns kurz unterhalten. War wirklich cool dass er das gemacht hat.

U2tour.de: War das die einzige Möglichkeit für Euch, den Bass live zu sehen?



Warwick: Nein, Adam hat uns ein Jahr später auch nach Frankfurt eingeladen [10. August 2010] Da hatten wir auf dem Hinweg allerdings einen riesigen Stau. Wir haben eineinhalb Stunden drei Kilometer vom Stadion weg gestanden. Das war voll die Katastrophe! Wir konnten auch nicht mehr rechtzeitig im Stadion sein, dass wir vor dem Konzert noch hätten reden können. Wir haben dann vom Management die Nachricht bekommen, dass es schade sei, dass es nicht mehr geklappt habe, aber dass Adam noch kurz nach dem Auftritt mit uns sprechen möchte, weil wir ja extra deswegen gekommen seien. Da das halt ziemlich kurzfristig war, sollten wir einfach beim Bühnenabgang warten. Wir sind dann zur Bühne gelotst worden und als U2 von der Bühne kamen sind wir einfach mitgegangen, haben Adam kurz Hallo gesagt und dann war er auch schon wieder weg. Aber man muss schon sagen, ich rechne es ihm wirklich hoch an, dass er sich dann trotzdem Zeit nimmt und sagt: "Okay, dann machen wir das jetzt so, dass ihr nicht komplett "umsonst" gekommen seid." Das ist halt auch eine gewisse Wertschätzung uns gegenüber, weil wir ja die Instrumente gebaut haben. Er hätte das ja nicht machen müssen... Das war echt eine schöne Geste, dass er sich trotz des engen Zeitplans noch einen Moment für uns genommen hat.

U2tour.de: Das muss doch einfach toll sein, wenn Du den Bass bei so großen Konzerten wie bei der 360° Tour dann live auf der Bühne oder auch später Aufnahmen davon siehst, oder?

Warwick: Ja, natürlich. Aber das ist ja nicht so, dass nur ein einzelner Gitarrenbauer das Instrument baut oder dass nur ich es baue. Da arbeitet die komplette Produktion mit und die Leute sind dann natürlich höchst motiviert und finden es geil, wenn dann ein bekannter Künstler ihr Werk auf der Bühne spielt, und sie dann sagen können:  "Den habe ich mit gebaut!". Das macht einen schon stolz…

U2tour.de: Absolut verständlich! Wie ist Adam eigentlich so in der Zusammenarbeit? Und wie habt Ihr hauptsächlich kommuniziert?

Warwick: Zum Großteil geht der Kontakt über E-Mail. Hin und wieder ruft er auch mal an. Dann war er ja auch bei uns in Markneukirchen und wir bei zwei Konzerten. Die Arbeit mit Adam macht in erster Linie sehr viel Spaß, weil er genau weiß, was er will. Er ist penibel, aber sehr nett, überhaupt nicht hochnäsig und ein wirklich angenehmer Zeitgenosse. Er hat auch einen guten Humor - bei einer längeren Autofahrt zum Flughafen haben wir uns klasse unterhalten und er hat viele Geschichten aus seinem Musikerleben erzählt. Uns ist also nicht langweilig geworden.

U2tour.de: Also das klingt wirklich auch nach einer sehr angenehmen Zusammenarbeit rundum. Geht es weiter? Wird es z.B. eine Weiterentwicklung des Reverso geben?



Warwick: Fest geplant ist im Moment nichts. Wir arbeiten jetzt an einem Modell, das zwar nicht spezifisch für Adam, aber schon – ich sag mal – mit ihm im Hinterkopf entwickelt worden ist. Ein Modell, von dem wir denken, dass es ihm gefallen könnte. Nächste Woche geht es zu ihm nach Irland zum Ausprobieren. Aber das ist jetzt noch keine neue Zusammenarbeit. Wir fragen einfach mal nach, ob Adam Interesse hat das Instrument auszuprobieren. Wenn es ihm gefällt, werden wir dann gern weiter gemeinsam daran arbeiten.

U2tour.de: Vielen Dank, Marcus, dass Du Dir die Zeit genommen hast, uns so ausführlich Rede und Antwort zu stehen und uns einen kleinen Blick hinter die Kulissen des Instrumentenbaus und der Entwicklung zu gewähren.

Veröffentlicht von u2tour.de
Interview: Sabine Schieweck
Mit freundlicher Genehmigung von: Principle Management Ltd. Dublin & Warwick GmbH & Co Music Equipment KG, Markneukirchen

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