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   Sabine

   26.10.2018 um 12:53 Uhr

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1997 spielten U2 ein legendäres Konzert in Sarajevo, das damals, kurz nach Ende des Krieges und der Belagerung, immer noch ein gefährliches Pflaster war. Initiator dieser Idee war schon 1993 Bill Carter, der über seine Erfahrungen im Krieg und mit U2 ein faszinierendes Buch schrieb ("Lebe Sarajevo”, U2tour.de berichtete) und sogar einen Dokumentarfilm drehte. Wir hatten jetzt die Gelegenheit, ein Interview mit Bill Carter zu führen und danken ihm sehr dafür.

ENGLISH VERSION BELOW (CLICK)

U2tour.de: Im September 2017 gab es den 20. Jahrestag des legendären U2 Konzerts in Sarajevo 1997 zu feiern. Dieses Konzert damals war eine direkte Folge Deiner Bemühungen 1993, gemeinsam mit U2 die Kriegs- und Belagerungssituation von Sarajevo in den weltweiten Fokus zu bringen (wie in Deinem Buch “Lebe Sarajevo” beschrieben). Hast Du diesen Jahrestag gefeiert und, falls ja, wie hast Du diesem Ereignis gedacht?

Bill Carter: Ich bin zum U2 Joshua Tree Konzert in Phoenix gereist, um den Jahrestag zu feiern. Bono und ich hatten darüber gesprochen, etwas Besonderes zu machen, um dem Datum und dem Moment damals zu gedenken und wir hatten eigentlich geplant, ein recht ausführliches Interview zu machen, so wie in der Charlie Rose Tradition (Anmerkung: bekannter amerikanischer Fernsehmoderator und Journalist).
Aber am Abend des Konzerts kam die Band sehr spät an, so dass das Interview ausfiel. Bono hat dann aber zwei Tage später ein Video aufgenommen und über den Jahrestag des Sarajevo Konzerts gesprochen und darüber, warum es damals von Bedeutung war, und – viel wichtiger – warum es auch heute noch relevant ist. Wie das Ringen um ein Zusammenleben immer noch ein Beispiel dafür sei, dass Geschlossenheit und Eintracht stärker sind als die bösartigen Kräfte, die versuchen uns auseinander zu reißen.
Ich habe diese Aufnahmen von Bono und Miss Sarajevo Filmmaterial von der U2 Show in Phoenix zusammengeschnitten und nach Bosnien geschickt - als seine “Jahrestag-Video-Umarmung” - um die Bewohner wissen zu lassen, dass wir uns an die Würde ihres Widerstands während der Belagerung erinnern.



U2tour.de: Damals 1997 hast Du das scheinbar Unmögliche mögliche gemacht, indem Du U2 dazu brachtest, im vom Krieg erschütterten (und immer noch gefährlichen) Sarajevo zu spielen. Wie fühlt sich das für Dich heute an? 
 
Bill Carter: Es fühlt sich an wie ein unmögliches Event, das durch die Beharrlichkeit von Leuten, die wollten, dass etwas Gutes passiert, möglich gemacht wurde. Wenn man mit U2 zu tun hat, dann passiert alles immer auf der großen Bühne. Das wiederum führt gern zu Widerstand von denjenigen, die die Dinge gern zynisch betrachten, und solche Aktionen als “Selbstdarstellung” oder ähnliches bezeichnen. Dieses Konzert damals hat eine enorme Menge an Energie, Fokus und Geld gefordert, um es umsetzen zu können, ganz abgesehen von den 4.000 Nato Soldaten, die das Konzert und die umliegenden Straßen bewachten. Meine Hauptaufgabe war eigentlich schon vier Jahre zuvor erledigt als ich U2 ursprünglich davon überzeugt hatte, sich für dieses Thema zu engagieren. Nachdem das passiert war, nun ja, wusste ich – und sie würden das schnell selbst herausfinden, dass es schwer bis unmöglich sein würde, sich der Situation wieder zu entziehen bevor es sich so anfühlte, als ob wir alle alles versucht hätten.
 
Bill Carter und Bono in Phoenix, 22.Mai 2015 © Bill Carter
 

U2tour.de: 2022 gibt es den 25. Jahrestag des originalen Sarajevo Konzerts. Könntest Du Dir vorstellen dafür ein besonderes Event mit U2, z.B. in Sarajevo, zu organisieren?
 
Bill Carter: Keine Ahnung, aber “stay tuned”. Das Leben ist voller Überraschungen. 

U2tour.de: Das Lied "Miss Sarajevo" wurde damals speziell für Deine Doku über die Situation in Sarajevo geschrieben (Doku bestellbar über: www.billcarter.cc ). Während der The Joshua Tree Tour wurde der Song mit Bildern aus Syrien unterlegt. Was denkst Du darüber?
 
Bill Carter: Ich hielt es für fantastisch, den Song, in dem es darum geht, wie Unterdrückte das Beste aus dem Leben gemacht haben, zu nehmen und auf Syrien anzupassen, von wo ähnliche Bilder und persönliche Geschichten kamen. Es war im Konzert ein sehr bewegender Moment. Ich habe den Song mehrfach auf dieser Tour gesehen. Und ich hatte das Glück, die vorherige Tour sehen zu können, bei der auch Miss Sarajevo Filmaufnahmen gezeigt wurden.
 


U2tour.de: Auch heute bist Du noch bei Hilfsprojekten in Sarajevo involviert. Nachdem der Krieg nun vor über 20 Jahren endete: welche Hilfe wird vor Ort noch gebraucht und wie können unsere Leser helfen? 
 
Bill Carter: Bosnien ist ein Land, das dazu tendiert, unter der eigenen politischen Inkompetenz und Habgier zu ersticken. Diejenigen, die das Land führen, nicht alle, aber die meisten, neigen dazu, das Land zu ruinieren und die Taschen der eigenen Sippschaft zu füllen. Ein Teil dessen ist das Ergebnis des Dayton Friedensabkommens, das zweckdienlich war, um den Krieg zu beenden, aber komplett unbrauchbar, eine Grundlage zu schaffen, wie ein Land zu führen ist. Also braucht Bosnien die Außenwelt, besonders Europa, um das Land zu besuchen, sich dort zu engagieren, für Handel zu sorgen und Bindungen zu schaffen, die halten, egal welche dumme nationalistische Führung gerade für ein paar Jahre an der Macht ist. Viel von dem ist selbstverschuldet. Der Krieg endete und das Land war im absoluten Chaos. Da kam dann der Rest der Welt und sagte “Hier ist ein Plan, wie Ihr Euer Land zu führen habt. Nun macht mal.” Länder tendieren aber dazu, Zeit zu benötigen, um organisch auf eine eigene Einsicht zu kommen, wie ihre Gesellschaft zu führen ist. Es ist ein wirklich unglaublich schönes Land und ich werde meine Familie nächstes Jahr im Sommer mit dorthin nehmen. Wir werden Bosnien besuchen und dann die dalmatische Küste. Es ist fantastisch dort. 
 
U2tour.de: Bei der Lektüre Deines fantastischen Buchs “Lebe Sarajevo” bekommt der Leser häufig sehr persönliche Einblicke. Hast Du es jemals bereut, so offen gewesen zu sein? Hast Du bezüglich der Inhalte jemals Ärger mit Freunden oder Familie bekommen? Hast Du jemals darüber nachgedacht, eine “Fortsetzung” über Dein Leben und die vielen Projekte, die Du laufen hast, zu schreiben?
 
Bill Carter: Das Buch war sehr schwer zu schreiben. Der erste Entwurf war grauenhaft. Es war unlesbar, hauptsächlich, weil ich so klinisch und steril geschrieben hatte. Dies passierte und dann passierte das, etc. Es war ohne jegliche Emotionen oder Einblicke oder Charakter. Aber ich wusste, dass alles zu enthüllen auch mich auf eine Art und Weise exponieren würde, die sehr schwierig ist. Es hat noch viele weitere Entwürfe und Neuentwürfe gedauert, bis ich mich langsam mit dem Gedanken anfreunden konnte, dass je ehrlicher ich sein würde, desto nachvollziehbarer würde es für einen Leser sein, den ich gar nicht persönlich kenne. Und letztendlich ist dies die Aufgabe eines Autoren. Etwas schaffen, das für jeden zugänglich ist. Der Leser muss seinen eigenen Weg in das Buch finden. Bei “Lebe Sarajevo” gibt es so viele Möglichkeiten für den Leser, eine Bindung zu finden: Krieg, Tod, Liebe, Trauer, jugendliche Abenteuer, Geschichte, Gonzo-Journalismus, etc.
 

Tobias Bühler und Oliver Alexander Kellner mit der deutschen Übersetzung
© Tobias Bühler, Oliver Alexander Kellner


U2tour.de: Welche Projekte hast Du derzeit? 

Bill Carter: Ich habe viele im Moment. Ich bin Professor an einer Universität und lehre Filmproduktion. Ich mache Dokus und arbeite mit dem MIT zusammen als Filmemacher und Berater. Also fliege ich rund um die Welt und mache Filme über faszinierende Themen. Ich schreibe. Ich engagiere mich für wohltätige Zwecke, etc. Und ich habe zwei Töchter und eine wundervolle Frau und wir sind als Familie immer sehr beschäftigt. Aber ich lebe in einer ländlichen Gegend mit viel Natur und Wanderwegen und Wildtieren. Das Leben ist also schön.

U2tour.de: Wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch!


In Zusammenarbeit mit Bill Carter und Tobias Bühler (Bühler Haustechnik) verlosen wir drei mal das Buch „Lebe Sarajevo!“. Alles was ihr tun müsst ist eine kleine Gewinnspielfrage beantworten:
Wann genau (Tag/Monat/Jahr) fand das legendäre Konzert im Kosevo Stadion von Sarajevo statt?
Schickt eure Lösung mit dem Betreff „Lebe Sarajevo“ und mit Angabe eurer Postanschrift per Mail an gewinnspiel@u2tour.de
Einsendeschluß ist Mittwoch, der 31. Oktober 24 Uhr.
Mehrfacheinsendungen, Einsendungen ohne Adresse und falsche Antworten werden nicht berücksichtigt (Teilnahmebedingungen).

Gewonnen haben:
Michael B. aus Castrop-Rauxel
Birgitt M. aus Wuppertal
Stefan M. aus Dettingen
Herzlichen Glückwunsch!

For our English-speaking friends: ENGLISH VERSION

In 1997, U2 played a legendary concert in Sarajevo, which at that time, shortly after the end of the war and the siege, was still a dangerous place. Bill Carter, who initiated this idea in 1993, wrote a fascinating book about his experiences in the war and with U2 ("Fools rush in", U2tour.de reported on the German release) and even made a documentary. We now had the opportunity to interview Bill Carter for which we are very grateful.

U2tour.de: September 2017 saw the 20th anniversary of the famous 1997 Sarajevo concert which was a direct consequence of your 1993 activities with U2 putting the war and siege situation in Sarajevo into world focus (as described in your book "Fools Rush In". Did you celebrate this anniversary and, if so, how did you commemorate?

Bill Carter: I traveled to the Phoenix U2 Joshua Tree concert in Phoenix to celebrate the anniversary. Bono and I had spoken about doing something to commemorate the date and moment and we planned on doing a rather extensive interview, sort of a Charlie Rose style setting and then on the night of they arrived late and the interview was put off. But two days later he spoke to camera and talked about anniversary of the concert and why it mattered then and more importantly why it is still relevant now. How that struggle to live together was still an example of how unity is stronger than the vicious forces that try and pull us apart. I took that footage along with Miss Sarajevo footage from U2 on show in Phoenix and edited together and we sent to Bosnia as an anniversary video hug to tell them we remember the grace of their resistance during that siege

U2tour.de: Looking back to 1997, you made the seemingly impossible possible by getting U2 to play in war-torn (and still dangerous) Sarajevo. How do you feel about that today? 

Bill Carter: I feel like it was an impossible event that was made possible by the tenacity of people wanting something good to happen. When dealing with U2 you are always going to doing something on a big stage. That invites pushback from those that want to look through their cynical eye and say it is “grandstanding” or something. This concert took an enormous amount of energy, focus and money to pull off, not to mention 4,000 NATO troops to guard the event and roads. My main role was done 4 years prior when I convinced U2 to get involved in the first place. Once that happened, well, I knew and they would soon find out, walking away from the situation would prove difficult to impossible until it felt like we had put our best effort forward.  

U2tour.de: In 2022, there will be the 25th anniversary of the original Sarajevo concert. Could you imagine trying to pull off a special event with U2, e.g. in Sarajevo?

Bill Carter: I have no idea, but stay tuned. Life is full of the unexpected.

U2tour.de: "Miss Sarajevo" was written specifically for your documentary on the situation in Sarajevo (www.billcarter.cc). During the Joshua Tree tour it was linked to images from Syria. How do you feel about that?

Bill Carter: I thought it was fantastic to take the song, which was about the repressed living the best they knew how and refit it for Syria, which had similar images and similar story lines. It was very moving in concert. I saw it a few times that tour. And I was lucky enough to see the tour before when it showed Miss Sarajevo footage as well.

U2tour.de: Today, you are still involved with help projects in Sarajevo. With the war having ended more than 20 years ago, what help is still needed and how can our readers help?

Bill Carter: Bosnia is a country that tends to drown under its own political incompetence and greed. Those that run the country, not all, but most, tend to run it into the ground and line the pockets of their own tribe. Part of this is the result of the Dayton Peace Agreement, which was useful to end the war but utterly useless in laying the foundation of how to run a country. So Bosnia needs the outside world, especially Europe to visit the country, to engage with it, to create business and bonds that survive whatever round of foolish nationalistic leadership takes over for a few years. Much of this is self-inflicted. The war ended and the place was in total chaos. Then the outside world said, “here is the map of how to run your country. Now do it.” Countries tend to need time to organically come to their sense of how to run their societies. It is an incredible place to visit. I am taking my family there next summer. Visit Bosnia and then go to the Dalmatia coast. It is fantastic.

U2tour.de: Reading your fascinating book "Fools Rush In", the reader often gets very personal insights. Have you ever regretted being so open? Have you ever had any problems with friends or family regarding the contents? Have you ever thought about writing a "sequel" about your life with the many projects you have going on?

Bill Carter: It was a very difficult book to write. The first draft was horrible. It was unreadable, mostly because it was me being clinical and sterile. This happened and then this happened, etc. It was void of emotion or insights or character. But I knew that expose all that would be to expose me in a way that is very difficult to do. It took many more drafts and redrafts to slowly wake up to the idea that the more honest I was the more relatable it was going to be to a reader that I never met. And that ultimately is the chore of a writer. To create something that anyone can find a way to into. The reader has to find their own way into the book. For “Fools Rush In” there are so many ways for a reader to find their connection: war, death, love, grief, youthful adventure, history, gonzo, etc. etc. 

U2tour.de: What are your current projects?

Bill Carter: I have many these days. I am a professor at a University and teach film production. I make documentaries and work with MIT quite a bit as a filmmaker and consultant. So I fly around the world making films on amazing topics. I am writing. I am involved in charities, etc. And I have two daughters and an amazing wife and we as a family are always busy. But I live in a rural area with nature and trails and wild animals. So life is good.

U2tour.de: Thank you very much for this interview!


Bill Carter and Bill Clinton © Bill Carter



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